Wild Country Revo

Das Angebot an Sicherungsgeräten wächst kontinuierlich – auf der OutDoor-Messe in Friedrichshafen stellte Wild Country das Revo vor, das den Markt an Halbautomaten REVOlutionieren soll, denn das erklärte Ziel ist es, noch mehr Fehlerquellen im Klettersport zu eliminieren.
Was hat es damit auf sich?
Wild Country Revo

Revo-lutionäres Funktionsprinzip

Die Funktion dieses Sicherungsgeräts ist unabhängig von der Belastungsrichtung des Seiles – sprich: Man muss beim Einlegen des Seils nicht mehr zwischen Bremsseil und Sicherungsseil achten bzw. es ist egal, an welchem Seilende der Kletterer eingebunden ist. Auf diese Weise wird eine der Ursachen für Unfälle beim Klettern durch Sicherungsfehler eliminiert und könnte evtl. auch Linkshändern das Leben etwas erleichtern – konnte ich allerdings mangels sinistralem Klettergspänli nicht testen.
Unabhängig von der Situation wird ein unkontrollierter Seildurchlauf in Innern des Geräts die Trägheitsrolle aktivieren, die ins Seil greift und einen Sturz oder zu schnelles Ablassen stoppt.
Die innovative Paniksicherung funktioniert ohne zusätzliche Griffe, Hebel o.ä., um das System zu entsperren. Das Gerät ist intuitiv zu bedienen wie ein traditioneller Tuber (resp. ATC), und ist somit sowohl für Anfänger als auch für Experten geeignet.

Schaut Euch dazu mal das Video von Wild Country an; hier wird das Funktionsprinzip anschaulich erklärt:

Alleinstellungsmerkmale

Das Revo ist derzeit das einzige Sicherungsgerät, das

  • über einen komplett paniksicheren Blockiermechanismus – beim Sichern und beim Ablassen – verfügt, der nicht «überlistet» werden kann,
  • bidirektional ist; also Blockierung unabhängig davon, wie man das Seil einlegt
  • über eine intuitive Sicherungsmethode verfügt, die keine Umgewöhnung von einer Standard-Sicherungstechnik (ATC, Tuber, …) erfordert,
  • keinen speziellen Karabiner am Gurt benötigt.
Die Einzelheiten im Überblick – Foto © by Wild Country

Im Bild nochmal die Einzelheiten:

  1. Innovative bidirektionale Blockierfunktion
  2. dauerhafter, paniksicherer Blockiermechanismus aus Edelstahl
  3. Hebel zum Öffnen (zwecks Einlegen des Seils) des Geräts
  4. Trägheitsgesteuerter Blockiermechanismus
  5. Gerätekorpus besteht aus hochfestem geschmiedetem Flugzeug-Aluminium
  6. geeignet für Einfachseile mit einem Durchmesser von 8,5-11 mm
  7. kompatibel zu allen Verschlusskarabinern nach EN 12275

Es wird also kein spezieller Karabiner benötigt; man tut sich aber am leichtesten mit einem, nicht allzu dicken, HMS-Karabiner, dessen Durchmesser rundum nicht grösser als 13 mm sein sollte:
Karabineröffnung

Handhabung (Handling)

Auch wenn die Bedienungsanleitung im Stil eines skandinavischen Möbelhauses verfasst ist, kommt man mit dieser gut zurecht.

Das Einlegen des Kletterseils ist etwas gewöhnungsbedürftig:
Bevor man sich das Gerät an den Gurt hängt, betätigt man den kleinen schwarzen Plastikhebel und entriegelt damit die beiden Gehäusehälften, die man nun gegeneinander verdrehen kann. Dadurch wird der Seilkanal geöffnet und man kann das Seil U-förmig herumlegen:

Revo entriegelt Seil ins Revo einlegen

Dies gelingt allerdings nicht einhändig; man muss schon das Gerät in eine Hand nehmen und mit den Fingern der anderen Hand das Seil um diverse Ecken und Kanten schieben. Je dünner das Seil, umso einfacher; mit dem getesteten 10mm-Seil ist der Seilkanal schon gut gefüllt.

Die weitere Handhabung ist – um das schöne Wort «selbsterklärend» zu vermeiden – ganz easy. Einfach wie ein Tube behandeln. Das Seil läuft unterdessen ganz geschmeidig durch das Gerät.
Und immer schön die Bremshand unten halten!

Interessant wird die ganze Sache noch, dass das Gerät unter Umständen auch zur Selbstsicherung beim Solo-Klettern verwendet werden könnte – blosses Abseilen ist natürlich auch möglich.
Achtung! Laut Bedienungsanleitung ist die Verwendung fürs «roped soloing» (Soloklettern) nicht vorgesehen und geschieht auf eigene Gefahr!
Die ersten Erfahrungen damit hat auch schon jemand auf Youtube per Video dokumentiert:

Fazit

In der Tat, das Revo revolutioniert die derzeitige Sicherungsgeräte fürs Sportklettern dahingehend, dass man (nur) beim Einlegen des Seils keinen Fehler mehr machen kann.

Allem Hype zum Trotz: Gleichwohl muss man der Ehrlichkeit halber dazusagen, dass eine der Hauptunfallursachen (siehe die Sicherheitsstudie des DAV), nämlich das Nichtbeachten des Bremshand-Prinzips, d.h. eine Hand immer am (richtigen) Seil(ende) – auch durch das Revo nicht ausgemerzt wird!
Die Bedienungsanleitung weist auch eindeutig auf das Einhalten des Bremshandprinzips hin.
Obendrein greift die Blockierfunktion ohnehin erst, wenn das Seil mit einer gewissen Geschwindigkeit (ca. 4 m/sec.) durch das REVO läuft. Damit ist klar, dass auch die Gefahr eines Bodensturzes nicht gebannt wird, der Mechanismus also nur als «Backup» für die Tuber-Funktion gedacht ist – das GRIGRI® 2 ist in diesem Punkt deutlich überlegen, wie auch der Halbautomaten-Test des DAV zeigt.
Bremshand immer unten gilt also auch bei diesem Sicherungsgerät! Man kann’s nicht oft genug betonen…

Zwei weitere Nachteile:
Das Teil hat ungefähr die Grösse einer Zigarettenschachtel (kommt dafür mit einem überdimensionierten Tragebeutel), ist mit einem Ladenpreis von 130€ mehr als doppelt so teuer wie ein Petzl GriGri 2 und mit einem Gewicht von 282 Gramm auch 65% schwerer als Petzl’s GRIGRI® 2 (170 g) und 40% schwerer als das GRIGRI® + – ohne Karabiner, versteht sich.

Grössenvergleich - Zigaretten nicht im Lieferumfang!

Ungeklärt ist noch – das müssen dann Härte- und Langzeittests ermitteln – inwieweit die relativ vielen Bauteile einer Abnutzung unterliegen, erst recht in Verbindung mit verschmutzten Seilen. Wer häufig im Sandstein klettert, kennt das Problem, dass sich der Dreck überall reinschmirgelt…

Somit bleibt im Raume stehen, ob das Revo tatsächlich primär Einsteiger anstelle eines normalen Tuber kaufen sollen oder ob es ein Nischenprodukt für Spezialisten sein wird, die gelegentlichen Solo-Vorstieg damit machen und kein zweites Sicherungsgerät fürs «reguläre» Klettern zu zweit kaufen und mitschleppen wollen.

Der Verkaufsstart des Revo wurde immer mal wieder verschoben und ist jetzt für Sommer/Herbst 2018 angekündigt (also pünktlich zum Start der Hallensaison).

Miini Meinig

Ganz offen und ehrlich: Mich hat das Revo jetzt nicht vom Hocker gehauen.
(Ja, das darf ich so schreiben, da ich kein Influenza Influencer bin und nicht gegen Entgelt irgendwelche Produkte in den Himmel loben muss…)

Eine zuverlässige – und vor allem schneller/früher ansprechende! – Blockierung erreiche ich auch mit etablierten Sicherungsgeräten (z.B. mit einem Edelrid Mega Jul – übrigens mein derzeit verwendetes Lieblingsgerät), die obendrein wesentlich kleiner, leichter und preisgünstiger sind.
Dynamisches («weiches») Sichern ist – entgegen landläufiger Meinung – auch mit den bisherigen Halbautomaten resp. Autotubern erreichbar, wie der Artikel über die sog. «Sensorhanddynamik» in der DAV-Panorama 04/2018 anschaulich zeigt.

Für das gesparte Geld könnte man sich dann z.B. ein paar hübsche Shirts kaufen, damit man(n) nicht immer «oben ohne» am Fels oder in der Halle rumrennen muss… 😉

Das einzige verbleibende Positiv-Kriterium des Revo ist die bidirektionale Funktion. Diese wiederum sehe ich kritisch, weil man u.U. noch eher dazu verleitet wird, den lebenswichtigen Partnercheck auf die leichte Schulter zu nehmen oder gar ganz zu unterlassen.
Und: Eine Sicherung, bei der man kein Seil falsch herum einlegen kann und obendrein völlig gratis ist, ist die gute alte HMS (HalbMastwurfSicherung)! Kann und sollte man lernen und beherrschen.

Gekauft hätte ich es also nicht, oder es wäre nach dem Kauf in meiner Chrüsimüsi-Kiste oder bei eBay gelandet…

* Transparenzhinweis: Das Sicherungsgerät wurde mir kostenlos von

Chalkr Klettershop

leihweise zur Verfügung gestellt und ist auch dort erhältlich.

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