Über- oder Untermotiviert?

Heute möchte ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern:

Letztens war ich mit Reto in der Kletterhalle unterwegs. Reto ist ein extrem guter Kletterer, der immer viel reflektiert über das was er macht, machen will und gemacht hat. Er war an dem Tag nicht so gut drauf, hat sich in einigen Routen extrem schwer getan, war nicht so richtig in seiner Mitte, hatte auch nach eigenem Bekunden wenig Biss… Dann sagte er: «Ach komm, zum Abschluss mach ich nochmal einen Versuch in der coolen Orangenen, die hab ich als Projekt und viel fehlt nicht mehr. Heute wird’s eh nichts, aber es geht ja nur ums Üben».

Gesagt, getan. Er bindet sich ein, erklärt mir noch kurz, wo die schweren Stellen sind und wie er sie machen will. Dann geht er in Gedanken nochmal die Route durch (ich kann jede Bewegung die er machen wird tatsächlich vorher beobachten!) und wird dabei echt intensiv und geht total mit. Ich denke noch: «So überpowert wie er jetzt ist, stolpert er beim Einstieg über seine Füsse», da ist er schon halb oben, schüttelt noch kurz vor dem Dyno, zieht durch und fliegt nur noch so durch die Route. Er schafft sie tatsächlich! Nach etlichen harten Versuchen in schweren Touren vorher, am Ende eines lahmen Tages, an dem nichts ging. Sein Projekt, dass er seit Wochen erfolglos versucht hat. Der Adrenalinspiegel hat bei ihm fast eine Woche gehalten – es ist immer schön, wenn man so etwas auch nur als Sicherer mitbekommt (deswegen klettere ich!).

Ich habe ihn danach direkt noch einmal in die Route geschickt, und dieses mal hat er den zweiten Durchstieg nur ganz knapp verpasst. Was sagt uns das? Mir fallen dazu mehrere Lehren ein:

  • Lass jedem Tag die Chance, ein besonderer zu werden. Auch wenn Dein Klettertag schlecht verläuft, da geht noch was. Und wenn Du dazu einfach loslassen musst (natürlich nur innerlich!)
  • Beobachte einmal, wie Deine Erwartung an eine Route Dein Erfolg bestimmt.
  • Die ideale Ausgangsposition ist, wenn Du Dich ohne Druck auf die Route einlassen kannst, egal ob Du fällst oder nicht (vgl. Flow-Erlebnis)
  • Routen-Vorplanung und Visualisierung ist bei für Dich harten Routen der (!) entscheidende Faktor.
  • Auch schwere Routen fühlen sich nach dem Durchstieg plötzlich viel leichter an.

Wie ist das bei Dir?