Mallorca – alt und neu

Wir sind vom Winterschmuddelwetter in den Süden geflüchtet, genauer gesagt nach Mallorca, um dort die Sonne – immerhin um die 15°C – zu geniessen, den neuen Kletterführer zu testen und mal zu schauen, was aus der Panik um die Gebietssperrungen wurde…

Cala Santanyí (Tijuana)

GPS-Koordinaten: N39.327625 E3.148661

Eines der “Trendgebiete” auf Mallorca – 70 Routen von 4c bis 8b+ – an der Südküste, mit nur 5 Minuten Zustiegszeit echt “verkehrsgünstig”.

Cala Santanyí (Tijuana)

Vom Parkplatz aus einfach zum Aussichtspunkt mit Turm und dann den Trampelpfad rechts an der Klippe abwärts folgen

Wenngleich die Haken in einem durchaus manierlichen Zustand sind, macht das Klettern hier trotz der schönen Gegend aufgrund der schon deutlich abgespeckten Routen nicht wirklich Spass. In der (Haupt-)Saison dürfte es zudem hier zugehen wie auf dem Bahnhof. Keine Empfehlung also.

In dieser Bucht gibt es auch Möglichkeiten zum Deep Water Soloing – einmal mit 6 Routen direkt quasi gegenüber-unterhalb des Dorfes (Sektoren “The Cove” und “Supersonic“) und ein Stück weiter westlich an dem  weltberühmten Felsbogen “Es Pontas“.

Cala Santanyí (Tijuana) Cala Santanyí (Tijuana)

Zu letzterem gelangt man übrigens am einfachsten über einen Trampelpfad vom Ort aus und eine Steintreppe abwärts zum Wasser bei N39.32603 E3.14243 und dann um die Ecke schwimmend.



Ca’s Català

GPS-Koordinaten: N39.55112 E2.58706

Der (Ex-)Geheimtipp – dieser Spot war im 2011er Rockfax-Kletterführer noch nicht veröffentlicht.

Ca's Català

Ca's Català Ca's Català

Derzeit findet man dort ca. 23 Routen in den Schwierigkeitsgraden 4a bis 6b+ vor.
Derzeit” und “circa” schreibe ich absichtlich, weil auch nach der Veröffentlichung des neuen Führers nach wie vor fleissig eingebohrt wird:

Ca's Català

Wir haben mindestens drei Routen entdeckt, die nicht im aktuellen Topo eingezeichnet sind.

Aufgrund des kurzen Zustiegs (es geht halt 10 Minuten teils über Treppen leicht bergauf) müsste man hier eigentlich Menschenmassen erwarten, aber vor Ort sieht die Lage ganz anders aus: Kaum “Gesellschaft”, toller Fels, löchrig wie ein Emmentaler, sehr oft rauh und scharfkantig – und selbst die leichten Routen mit noch ganz wenigen Abnutzungsspuren.

Kleiner Wermutstropfen: Der Verkehrslärm von der nahegelegenen Autobahn Ma-1, aber das ist angesichts der Qualität durchaus zu verschmerzen.



S’estret

GPS-Koordinaten: N39.69167 E2.63613

Ein recht weitläufiges Klettergebiet in der Nähe des beschaulichen Städtchens Valldemossa. Hier kann man durchaus gleich mehrere Tage verbringen.

S'estret
Es “dreht” sich quasi alles um diesen Berg…

Sektor Pipe
Sektor “Pipe”

Mario Moreno
Top 50-Route: “Mario Moreno” (5a) – unbedingt machen!
Hose: Black Diamond Credo
Schuhe: Scarpa Instinct S

Sektor Cuarentón
Sektor “Cuarentón”

Sektor Mejicano
Sektor “Mejicano”

Eine ausführliche Beschreibung würde den Rahmen hier vollends sprengen – man findet insgesamt 123 Routen in den Schwierigkeitsgraden 4c bis 8c (!), verteilt auf zehn Sektoren vor; allesamt über einen zentral gelegen Parkplatz in nur wenigen Minuten Fussmarsch erreichbar.

Es ist quasi für jeden Geschmack etwas dabei – von gemütlichen alpin angehauchten und langen Plaisirrouten bis zu kurz-und-brutalem Leistengezerre im Überhang.
In diesem Klettergebiet finden sich dementsprechend auch viele 3-Sterne- und Top-50-Routen der Insel.

Dies hat allerdings auch seinen Preis: Leider schon teils deutliche  Benutzungsspuren am Kalk, allerdings auch in den leichteren Routen nicht so gravierend. Offensichtlich “verläuft” sich die Anzahl Kletterer in der grossen Routenauswahl.

Auch Boulderer können hier auf ihre Kosten kommen. Am Zustieg zum Sektor “Mejicano” fand einst ein Bergrutsch statt, der für einige interessante Blöcke gesorgt hat:

Bouldergebiet S'estret
Zustieg zum Sektor “Mejicano” und gleichzeitig der Eingang zum Bouldergebiet

Kleiner Wermutstropfen: Die Parkmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Wir hatten – ausserhalb der Saison – an einem Montagmorgen um 10 Uhr schon Probleme, eine Parklücke zu finden…



Cala Magraner

GPS-Koordinaten: N39.48700 E3.28708

Der 25minütige Zustieg …


… lohnt sich durchaus: Ein sehr schönes Gebiet direkt am Meer, mit einem kleinen Strand – sowohl landschaftlich gesehen als auch von der Routenauswahl. Dieser Spot ist übrigens – wie einige deutsche Kletterer es handhabten – auch per Boot erreichbar.

Kurz vor den Felsen weist ein Schild auf ein privates Jagdgebiet hin …
Cala Magraner - privates Jagdgebiet
… somit sollten die üblichen Verhaltensregeln beachtet werden, also dass man beispielsweise mit Einbruch der Dämmerung das Gebiet verlässt.

Cala Magraner

Cala Magraner
Kann nasse Füsse geben beim Sichern…

Cala Magraner
Sinterzapfen (“Tufas“) en masse…

Hier liegen allerdings Licht und Schatten nahe beieinander:

1.) Rund die Hälfte der insgesamt 70 Routen (von 4b bis 8a), vorwiegend die – vom Parkplatz aus gezählt – ersten, sind derzeit nicht saniert. Hier findet man teils völlig durchgerostete Expansionshaken. Erst weiter in Richtung Meer wurden diese durch neuere Exemplare oder Klebehaken ersetzt.

Cala Magraner

Nach welchem System die Sanierung erfolgt, ist nicht so ganz ersichtlich; total abgespeckte Anfängerrouten tragen Klebehaken neueren Datums, während eigentlich schöne und schwere(re) Routen unter den alten Rostgurken leiden. Schade irgendwie.

2.) Je nach Wasserstand sind die direkt am Strand befindlichen Routen nicht erreichbar – hier kann der Gezeitenkalender eine wertvolle Planungshilfe darstellen.

3.) Trotz der Abgeschiedenheit ist man hier wohl seltenst alleine. Die Einstiege der sicher kletterbaren Routen waren am Vormittag ratzfatz mit Seilsäcken bestückt…

Drei Kilometer nordöstlich bei der Cova de na Dent (N39.50817 E3.30567) haben wir noch einen kleinen “Kletter-Lostplace” gefunden – hierhin hat sich mit Seil offensichtlich schon lange niemand mehr verirrt:
Cova de na Dent



Puig de Sa Morisca / Santa Ponça

GPS-Koordinaten: N39.50789 E2.48266

Puig de Sa Morisca / Santa Ponça

Da hier eh nur acht Routen (6a bis 7b+) vorhanden sind, ist dieser Berg als eigenständiges Kletterziel kaum lohnend. Zudem sind die Expansionshaken in der Wand nicht wirklich in gutem Zustand.
Allerdings befinden sich auf dem Gipfel eine Reihe ganz manierlicher Klebehaken neueren Datums, so dass man ein Toprope einhängen könnte. Wenn man mag. Kann man mal machen…



Sa Cantera

GPS-Koordinaten: N39.55844 E2.58258

… und das Beste natürlich zum Schluss!

Dieser Klettergarten scheint trotz der Erwähnung auch in den früheren Ausgaben des Kletterführers echt sowas wie ein “Geheimtipp” zu sein. Keine Ahnung weshalb – schreckt vielleicht der 15minütige Zustieg bergauf für lediglich vierzehn Routen (4a bis 6b) die Leute ab?

Jedenfalls trafen wir nur ein paar verirrte Wanderer an und der Fels zeigt selbst in den leichtesten Routen so gut wie keine Abnutzungsspuren; im Gegenteil, manche Griffe fühlen sich an, als würde man in einen Kaktus greifen.

Die Absicherung ist sehr gut; man findet dort unverrostete Expansionshaken in geringem Abstand vor.

Sa Cantera
Armspannweite = drei Haken

Sa Cantera
Sektor rechts

Die Routendichte ist relativ hoch und das könnte sicher bei dem einen oder anderen (Feierabend-)Bier für Diskussionsstoff sorgen, ob man denn wirklich die angepeilte Linie erwischt hat.
Und es hat hier durchaus noch Potential für neue Routen.

Sonne gibt’s übrigens schon ab frühmorgens – sollte man einkalkulieren, falls man tatsächlich im Frühjahr/Sommer dort klettern möchte.



Fazit insgesamt:

Was die Aufregung über die Gebietssperrungen betrifft, haben wir auf unserer Tour rein gar nichts mitbekommen. Die oben beschriebenen Gebiete sind ohne Probleme frei zugänglich – man sollte lediglich die angrenzenden (ausgeschilderten) Privatgrundstücke respektieren und meiden. Und, eigentlich selbstverständlich, sollten die allgemeinen Benimmregeln befolgt werden, d.h. keinen Kehricht hinterlassen, nicht rumlärmen etc.
Leider mussten wir vor Ort feststellen, dass dies offensichtlich doch nicht so selbstverständlich ist und vielleicht auch und gerade deswegen der eine oder andere Grundstückseigentümer – völlig zu Recht! – sauer ist.

Kletterführer:
Das Standardwerk ist wie gesagt “Spain:Mallorca” (englischsprachig) aus dem Rockfax-Verlag, neueste Auflage erschien am 28.01.2016

(Es gibt übrigens noch einen anderen Mallorca-Kletterführer aus dem Desnivel-Verlag – der ist allerdings Stand 2009 und angesichts der vielen Neutouren daher nicht zu empfehlen.)

Die Handhabung des Rockfax-Führers ist einfach – GPS-Koordinaten der Parkplätze sind angegeben, die Fusswege zu den einzelnen Spots ausführlich beschrieben. Dank der Farbfotos sind die Routen recht leicht aufzufinden. Die Schwierigkeitsbewertungen sind nach unserem Empfinden allerdings etwas gewöhnungsbedürftig – Routen unterhalb des sechsten Franzosengrades sind häufig sehr hart bewertet, während schwerere Routen nicht selten de facto leichter ausfallen als angegeben.
Ganz krasses Beispiel: Die Route “Sa nina” in Sa Cantera ist mit einer 7a+ angegeben, sei aber eigentlich gemäss den Locals “nur” eine 6a+…
Die Sterne-Bewertungen und Kategorie “Top 50-Route” sind vermutlich nicht überarbeitet worden seit den/der letzte(n) Auflagen; unter den empfohlenen Routenschönheiten gibt es leider einige üble Ausreisser, die die Sterne aufgrund Abnutzung nicht wirklich verdient haben.

Apropos neue Routen:
Auf der Website von Foracorda, dem lokalen Kletterladen, gibt es zum einen ein Verzeichnis von Neutouren und auch eine Routensuchmaschine.

Ausrüstung:
Das Standard-Sportkletter-Equipment reicht in aller Regel vollauf. Hätte ich das “Kleingedruckte” im Kletterführer richtig gelesen, wären meine Klemmkeile und Friends zuhause geblieben 😀 Nehmt lieber ein paar Schlingen mehr mit, um die eine oder andere Sanduhr fädeln zu können – Löcher hat’s ja genug.

Zu Anreise etc. brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Bei den einschlägigen Last-Minute-Anbietern gibt es Reiseangebote incl. Mietwagen – ohne den man ziemlich aufgeschmissen ist – zuhauf; wir haben für hier in der Nebensaison insgesamt 320 ΕΥΡΩ pro Person (Flug, Hotel, Mietwagen) bezahlt.
Wer nicht im “Touri-Bunker” nächtigen möchte, sollte sich mal die Angebote vom Camperhof anschauen.

Auf das Thema Deep Water Soloing werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mal zurückkommen. Während unseres Aufenthalts war leider das Wasser noch etwas zu “kühl” und aufgrund des starken Windes der Wellengang zu gefährlich.

PS: Noch mehr “¡Hola!” gefällig? Dann schaut doch auch mal bei Nima’s Seite “Abenteuer Spanien” (jetzt: “Abenteuer unterwegs”) vorbei! 😉

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