Kletterschuhe für Anfänger

In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich ja immer wieder über einzelne Modelle von Kletterfinken hier berichtet, aber irgendwie völlig ausser Acht gelassen, dass ja insbesondere Anfänger ihr persönliches Lieblingsmodell noch gar nicht kennen.
Das möchte ich jetzt hiermit nachholen – eine kleine Marktübersicht (unten auf der Seite) und Kauftipps:

Welche Schuhe soll ich denn nun kaufen?
Nun, unabhängig von Hersteller und Modell haben die unten aufgeführten Schuhe eines gemeinsam: Sie sind in erster Linie auf Komfort getrimmt und weniger auf (möglicherweise) erzielbare Höchstleistungen. Soll heissen, es handelt sich quasi – wie ein Läufer sagen würde – um Neutralschuhe; diesen Schuhen fehlt jeglicher “Schnickschnack” wie Vorspannung und Asymmetrie, weil 1.) man  als Anfänger selbige noch nicht braucht, 2.) sich erst die Füsse daran gewöhnen müssen und 3.) man schlichtweg unnötig Geld ausgeben würde.
Aus gleichen Gründen eignen sich diese Schuhe natürlich gleichwohl auch zum Einstieg ins Boldern – spezielle Boulderschuhe gibt es in dieser “Liga” einfach nicht.

In den ersten Wochen der Kletterkarriere wird nämlich auch das beste “Jungtalent” einiges an Sohlengummi vor allen an den rauhen Kunstwänden in den Kletterhallen und Boulderhallen hängen lassen.
Aus genau diesem Grund verfügen die Einsteiger-Modelle durchweg über eine relativ harte Sohle – eben um der Abnutzung zumindest ein wenig entgegenzuwirken.
Ob das Gummi konkret XS Edge, Stealth Rubber, NeoFriction oder eine andere wohlklingende Bezeichnung trägt, ist am Anfang mal völlig egal – das wird erst jenseits des 7ten Grades interessant.

Ein weiterer Aspekt: Ja, die Füsse müssen sich am Anfang erst an Kletterschuhe gewöhnen. Vergesst die vermeintlich guten Ratschläge von erfahrenen Kletterern, die meinen, “Kletterschuhe müssen halt weh tun” oder “Die müssen mindestens zwei Nummern kleiner als die Strassenschuhe sein“.

Beides ist – zumindest im Anfängerbereich – völliger Quatsch. Hier steht wirklich zunächst einmal der Aspekt des Komforts im Vordergrund, der schliesslich dann auch zum Spassfaktor beiträgt.
Später, wenn auch die Fussmuskulatur der neuen Anforderung entsprechend trainiert ist, kann man dann sukzessive auf “fiese” Schuhe umsteigen, zweckmässigerweise wenn abnutzungsbedingt ohnehin ein Neukauf ansteht.

Zum anderen muss man natürlich, wie eigentlich bei allen Schuhen, berücksichtigen, dass die Grössen bei den einzelnen Marken sehr unterschiedlich ausfallen. Zu allem Elend ist es mit der Schuhgrösse allein nicht getan, auch der Fusstyp (ägyptisch, griechisch, römisch) spielt mit eine Rolle – letzteres bei diesen Komfortschuhen allerdings nicht so gravierend wie bei den Modellen für fortgeschrittene Kletterer.

Ganz wichtig also: Aus- bzw. Anprobieren!
Wenn ihr schon Kletterpartner habt/kennt, macht euch kundig, wer welche Schuhe trägt und tauscht sie ggf. mal untereinander zwecks Probekletterns. Das ist nämlich ein ganz probates Mittel, denn damit habt ihr die Möglichkeit, die Schuhe mal “live”, also direkt beim Klettern, auszuprobieren.

Zweite Möglichkeit: Das gute alte Fachgeschäft. Das mag zwar vielleicht im Einzelfall teurer sein als Onlineshopping, aber ihr könnt verschiedene Modelle und Grössen in Ruhe testen – mal vom Service, auch nach dem Kauf (und wenn’s nur um ein Paar Schnürsenkel geht) ganz abgesehen. Manche Läden haben auch eine kleine Boulderwand, um die Schuheigenschaften mal an ein paar Tritten auszuprobieren. Übrigens kann man in einem guten Fachgeschäft auch mal einen Schuh (vor-)bestellen, sollte das gewünschte Modell oder Grösse gerade nicht verfügbar sein – das bekommen grosse Versandhäuser in aller Regel nämlich nicht hin!
Zudem gibt’s im Fachgeschäft noch echte Beratung – im Gegensatz zum Versandhaus, wo man im Callcenter am anderen Ende der Leitung mit grosser Wahrscheinlichkeit jemanden erwischt, der selber noch nie klettern war…
Lasst euch aber von ambitionierten Verkäufern nicht irgendwas “supertolles” aufschwatzen – ich habe schon Leute beobachtet, die mit den 135€-Miuras in Hallen-Vierern rumgeschrabbt sind; solche Leute sind wohl an redegewandte provisionsgeile Verkäufer geraten oder haben zu viel Geld übrig…

Onlineshopping empfehle ich dann, wenn man nach obigem Muster schon ein paar Modelle probiert hat und man einigermassen sicher sagen kann, welches passen könnte – nur so spart ihr euch und dem Händler den Stress mit Retouren.

Apropos Retouren: Wusstet ihr schon, dass jedes Jahr allein in Deutschland sage und schreibe 143.000 Tonnen CO2 aufgrund von zurückgeschickten Paketen in die Luft geblasen werden und somit den Klimawandel vorantreiben?

Von gebrauchten Kletterschuhen, z.B. in der Rubrik “Kletterausrüstung” bei ricardo.ch oder in der Kletterschuh-Rubrik bei eBay rate ich übrigens gar nicht ab. Auch ich habe meine Kletterkarriere mit recht alten, bereits gebrauchten Schuhen begonnen. Grosser Vorteil: Die Schuhe sind meistens einen Tick bequemer, wenn sie mal eingeklettert sind.
Und schlimmer als Leihschuhe, die schon an hunderten von Füssen waren, können die mit Sicherheit auch nicht sein 😉

Noch drei Tipps:
1.) Probiert Kletterschuhe nach Möglichkeit erst abends an. Bekanntermassen schwellen die Füsse im Laufe des Tages etwas an, vor allem bei Hitze und/oder wenn man tagsüber eine sitzende Tätigkeit ausübt. Kletterfinken, die morgens schon nicht optimal passen, werden dann abends garantiert nicht bequemer.

2.) Zweitens: Lasst bittebittebitte die Socken weg!
Wie schon erwähnt, haben diese Einsteigerschuhe schon eine recht robuste Sohle. Wenn ihr Socken tragt, raubt ihr euch noch mehr das Gefühl für die Tritte unter dem Gummi.
Man geht ja schliesslich auch nicht her, kauft sich ein Satz neue Reifen fürs Auto und schleift erstmal 2mm vom Profil weg, weil’s zu viel Grip ist!?
Schaut euch um: Wieviele Fortgeschrittene und Profis klettern mit Socken? So gut wie keiner.
Und, pardon, es sieht einfach scheisse aus, genauso wie weisse Tennissocken in Sandalen!
Wenn ihr partout nicht barfuss in die Kletterschuhe wollt, wären ganz dünne Feinsöckchen aus Nylon noch ein Notbehelf. Angenehmer Nebeneffekt dieser: Man rutscht besser in die engen Schuhe, aber leider dafür bei zu gross gewählten Schuhen auch darin herum.
Übrigens: Fussballschuhe, Tanzschuhe oder Reitstiefel riechen auch nicht nach Veilchen… 😉

3.) Zur Haltbarkeit der Schuhe: Kletterschuhe heissen nicht umsonst Kletterschuhe – sie sind nicht zum Rumlaufen oder Rumstehen konzipiert. Damit sie nicht vorzeitig ausleiern, zieht sie erst kurz vor dem Routeneinstieg an und nach dem Klettern direkt wieder aus; zumindest solltet ihr die Ferse rausnehmen bzw. in Kletterpausen andere Schuhe anziehen:

Kletterschuhe ausziehen
Fersen lüften!
(Anm.: Die abgebildeten La Sportiva Python sind definitiv keine Anfängerschuhe!)

… und Finken anziehen (Salomon RX Break)

Okay – Langer Rede, kurzer Sinn – hier die versprochene Marktübersicht, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

La Sportiva

Damen
Herren
Besonder-
heiten
Oxygym Oxygym Woman Oxygym vegan!
– waschbar
– geeignet für DWS
Finale VS La Sportiva Finale VS Woman La Sportiva Finale VS
Finale La Sportiva Finale Woman La Sportiva Finale
Tarantula La Sportiva Woman's Tarantula
TaRENTula
La Sportiva Tarentula
für den Kletterhallen-Verleih: Grösse steht aussen (hinten)
Tarantulace
Mythos* La Sportiva Mythos La Sportiva Mythos
Mythos Eco* La Sportiva Mythos Eco Woman La Sportiva Mythos Eco 95% des Schuhs bestehen aus recycelten Materialien

Scarpa

Damen
Herren
Besonder-
heiten
Force V Force V Force V innen stark gepolstert
Velocity Velocity Woman Velocity Nachfolger vom “Veloce” bzw. “Thunder”
Origin
Scarpa Origin
Helix Scarpa Helix Woman Scarpa Helix

Ocun (vormals “Rock Pillars”)

Crest QC Ocun Crest QC vegan!
– auch als Schnürer (Crest LU) erhältlich
Strike QC Ocun Strike QC vegan!
– auch als Schnürer (Strike LU) erhältlich
Strike QC
2018er Modell
Ocun Strike QC 2018

Red Chili

Durango
Vorteil: vegan!
Nachteil: Material färbt ab, Füsse werden blau
Session
Leihschuhe für Kletterhallen: Grösse steht aussen (hinten)

Black Diamond

Damen
Herren
Besonder-
heiten
Momentum Women's Momentum Merlot Momentum Ash NEU!

Five Ten (5.10)

Damen
Herren
Besonder-
heiten
Rogue VCS Women's Rogue VCS Rogue VCS

Evolv

Damen
Herren
Besonder-
heiten
Defy
vegan!
(Für Details und zum Kaufen aufs jeweilige Bild klicken)

Übrigens: Auch ich trage gelegentlich diese Bequemtreter – die Scarpa Force X fürs Alpinklettern oder die La Sportiva Oxygym fürs Deep Water Soloing.
Sofern sie nicht kaputtgeklettert sind, finden sie also immer noch eine Zweitverwendung, wenn man sich teureres Schuhwerk besorgt hat…

* Noch ein Wort zum “Mythos”:
Hartnäckig hält sich – auch unter etlichen, ahnungslosen, weil selbst nicht kletternden Verkäufern – das Gerücht, dass der Schuh angeblich an wirklich jeden Fuss passen solle. Ja, er ist durch seine besondere Schnürung (das Schnürband läuft auch am Schaftrand oberhalb der Ferse um den Schuh – siehe auch die Anleitung zum Wechseln) weit verstellbar, bietet aber keine 100%ige Passformgarantie. Mir persönlich passt er z.B. gar nicht, im Gegensatz zu den anderen Schuhen von La Sportiva.
Im übrigen sehe ich den “Mythos” eher als bequemen Alpinkletterschuh…

 

2 thoughts on “Kletterschuhe für Anfänger”

  1. Schöner Beitrag!
    Ich kann auch nur bestätigen, dass am Anfang “bequeme” Kletterschuhe im Vordergrund stehen sollten. Ich hatte das erste Jahr die Elliot Voyager. Hat mir sehr gute Dienste geleistet. Nachdem diese dann langsam auseinander gingen habe ich nach ca. einem Jahr die La Sportiva Solution gekauft. Damit konnte ich dann auch meinem Fortschritt nachkommen.

    1. Salü Jan!
      Danke erstmal fürs Lob! 😉
      Stimmt schon, irgendwo ist bei diesen Anfängerschuhen eine Leistungsgrenze – wenngleich es Leute gibt, die der Meinung sind, bis einschliesslich dem 8. UIAA-Grad taugen alle Schlappen und die Huberbuam auf die La Sportiva Mythos schwören…
      Aber der Umstieg dann auf ein High-End-Modell wie dem Solution ist dann halt schon was anderes; in etwa so wie der Umstieg vom Golf zum Ferrari 😉

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