Feuchte Hände -> Chalk!

Jetzt, wo sich hochsommerliche 35 °C und tagelange Regenfälle abwechseln – damit einhergehend gefühlte 250% Luftfeuchte – ist wohl genau der richtige Zeitpunkt für diesen Beitrag:
Was mache ich gegen feuchte Hände beim Klettern?

1. Chalk / Magnesia

Jaja, jetzt kommen gleich die Möchtegern-Puristen aus ihren Löchern: «Das Lügenpulver braucht man doch nicht; früher ging’s doch auch ohne!»

Jawoll, früher™ hat man sich auch – wenn überhaupt – mit Hanfseil gesichert, statt Kletterfinken gab es Nagelschuhe und der sechste UIAA-Grad war noch in den 70er Jahren die oberste Grenze des Menschenmöglichen (und heute gilt man – zumindest im verbissenen Deutschland – als blutiger Anfänger, wenn man nicht mindestens einen Onsight-8er auf der Ticklist hat…) 😉
Lese-Tipp dazu übrigens: «Wer den Siebner nicht ehrt, ist des Elfers nicht wert»

Nun gut, zurück zum Thema – also das Mittel der Wahl kennt jeder, hat jeder: Chalk alias Magnesia alias Magnesiumcarbonat (MgCO3).

Vorab eines noch: Wo man definitiv kein Chalk verwenden sollte (und meist auch verboten ist), ist Sandstein. Das Pulver verstopft nämlich die Zwischenräume zwischen den einzelnen Sandkörnchen, was im Endeffekt dann mittel- bis langfristig genau das bewirkt, was man mit Chalk eigentlich vermeiden will – Griffe werden glibberig-rutschig.

Christian Langer und das Magnesiaverbot
… scheint aber nicht jedermann zu interessieren 🙁

Im Gegensatz dazu muss bzw. sollte man im Kalk immer Chalk benutzen, denn das Zeugs hat den angenehmen Nebeneffekt, den sauren Handschweiss zu neutralisieren, was sich «materialschonend» auf den Fels auswirkt.

In Kalkklettergebieten schützt es außerdem vor vorzeitigem «Abspecken» des Kalkgesteins. Mit einem pH-Wert des Handschweißes von 4,5-5,5 wird Kalk (CaCO3) schnell angelöst und die Oberflächenrauhigkeit herabgesetzt. Wird kein Magnesia verwendet, liegt die Abnutzungsgeschwindigkeit im Kalk um das Fünffache höher.

(Quelle: Diplomarbeit von Juliane Friedrich, TU Dresden)

Zurück zum Kernthema:
Also, Chalk kennt jeder und dementsprechend gibt es inzwischen ein nahezu unüberschaubares Angebot in verschiedenen Darreichungsformen – loses Schüttgut in Tüten, loses Chalk in Säckchen als «Chalkball» (teurer, aber in vielen Kletterhallen zwecks Staubvermeidung vorgeschrieben) und gepresste Blöcke.
Manche Chalksorten sind sogar gefärbt, damit sie weniger Spuren am Fels hinterlassen – in manchen Klettergebieten z.B. in den USA ist dies vorgeschrieben.

Das Café Kraft bot eine Zeitlang unter eigener Hausmarke sogar Chalk mit dem witzigen Namen «Sossenbinder» an – inklusive einem unmissverständlichen Verwendungshinweis:

Café Kraft "Sossenbinder"
Nicht zum Verzehr geeignet!

Mittlerweile hat man das Produkt auf den harmlosen Namen «KraftChalk» umbenannt – ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Würde mich ja auch mal interessieren, ob die Erfolge von Alexander Megos vielleicht (auch) damit zusammenhängen?! 😀
Ein Praxistest des «Sossenbinders» meinerseits steht noch aus; ich habe zwar das Tütchen zuhause, aber benutze derzeit noch den ganz gewöhnlichen Metolius Super Chalk mit dem m.E. besten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Noch ein Hinweis: Das «Magnesia», welches zum Beispiel Turner verwenden, ist zum Klettern absolut ungeeignet! Es enthält nämlich bestimmte Zusätze, die es ermöglichen, dass die Hände zwar trocken sind, aber gleichzeitig besser um das Turngerät gleiten – zum Klettern logischerweise eine ganz schlechte Idee.

Übrigens: Kreide (= Calciumcarbonat) hat mit unserem Chalk ausser der Farbe rein gar nichts tun. Allen Angliszismen zum Trotz, wer also von «Kletterkreide im Kreidebeutel«» spricht, outet sich als Unwissender.

2. Liquid Chalk

Die nächste Eskalationsstufe. Liquid Chalk ist im Prinzip nichts anderes als Magnesia, das mithilfe eines Flüssigkeitszusatzes – meist auf alkoholischer Basis – in eine buchstäblich handliche Suspension gebracht wird. Gelegentlich finden sich auch harzähnliche Zusätze (wie z.B. das französische «Pof» alias Kolophonium) zur Erhöhung der Haftreibung darin.

Das Zeug hat zwei grosse Vorteile:
Erstens ist es relativ sparsam im Verbrauch, da man i.d.R. nur eine kleine Menge in die Hände reiben muss und man auch nicht Gefahr läuft, dass sich die Hälfte des Chalkbag-Inhalts quasi in Luft auflöst.
Zweitens sorgt der Alkohol-Anteil dafür, dass die Hände entfettet und weiter getrocknet werden – ist somit allerdings andererseits auch keine gute Idee für Menschen, die ohnehin eine trockene Haut haben.

Allerdings sollte man Werbeaussagen, von wegen dass man «im Handumdrehen» nur 1x am Routeneinstieg chalken müsse, mit Vorsicht geniessen. Sooo lange hält sich auch kein Liquid Chalk auf den Händen – aber immerhin verlängert es die Intervalle zwischen dem Nachchalken.
Das kann einerseits ein grosser Vorteil sein, wenn man in schweren Routen hierfür einfach keine Hand frei hat; andererseits entfällt dadurch aber der für manche Leute psychologisch wichtige ritualisierte Beruhigungs-Griff in den Chalkbag.
Der wichtigste Muskel beim Klettern ist schliesslich das Gehirn, wie schon Wolfgang Güllich wusste… 😉

3. Antihydral® Salbe

Quasi die Abrissbirne unter den Händetrocknern…

Antihydral ist eine apothekenpflichtige Salbe, die zur Verringerung starker Schweissabsonderung konzipiert wurde. Die Wirkung basiert auf einer chemischen Reaktion zwischen dem Schweiss und dem Wirkstoff Methenamin: Da Schweiss wie schon erwähnt leicht sauer ist, kommt es auf Methenamin-behandelter Haut zur Bildung von Formalin (Formaldehyd). Daraufhin verklumpen Eiweisse im Schweiss und verstopfen die Ausführgänge der Schweissdrüsen. So wird die Schweissabsonderung verhindert und die Haut wird nach einigen Tagen der Behandlung trockener und widerstandsfähiger. Da die oberen Hautschichten jedoch regelmäßig abschilfern und erneuert werden, ist der Effekt nicht von Dauer und die Anwendung muss in kurzen Abständen wiederholt werden.

Methenamin ist übrigens nichts anderes als der Brennstoff des guten alten Esbit-Kochers!
Ich benutze – mit einer Portion Respekt vor dem Teufelszeug – diese Salbe besonders in den Sommermonaten durchaus regelmässig.
Respekt deswegen, weil die Haut schon nach den ersten 1-2 Anwendungen merklich trockener wird und sich eine hornhautartige Hautschicht bildet, die zu allem Elend nicht wirklich schön aussieht. Zudem läuft man schnell Gefahr, wenn man das Ganze übertreibt, dass die Haut rissig wird und man sich damit beim Klettern wiederum andere Probleme herbeizieht.


Die Tube mit 70 Gramm Inhalt (Pharmazentralnummer PZN 00052729) kostet übrigens rund 7,50 ΕΥΡΩ.

Einen Versuch, der allerdings eher im Ansatz steckenblieb, hatte ich mal mit «AHC forte» aus der Schweiz gestartet, zumal sich die Beschreibung mit «hautschonend durch Pflanzenextrakte» durch deutlich freundlicher anhörte als das Chemiezeugs im Antihydral.
Von der Wirkung war ich jedoch recht enttäuscht. Zwar war nach der Anwendung eine gewisse Hauttrockenheit durchaus zu bemerken; das Produkt hinterliess aber einen merkwürdig schmierigen Film auf der Haut, der selbst durch intensivstes Händewaschen sich nicht restlos beseitigen liess und nur schwer mit Chalk kompensiert werden konnte. Die über 20 ΕΥΡΩ für das Fläschchen à 30 ml waren definitiv eine Fehlinvestition.
Also kein Produkt für Kletterhände, aber eventuell was für andere Körperregionen – falls jemand derartige Probleme haben sollte.

Übrigens: Chalk schadet im Endeffekt auch dem Kletterseil – letzten Endes verhält es sich da nämlich nicht anders als bei «normalem» feinkörnigen Schmutz und damit einhergehendem Verschleiss durch höhere Reibung. Man kann das allerdings durch Beherzigen von Standardtipps (zitiert aus: bergundsteigen #101) auch minimieren:

  1. Seil sauber halten, z.B. durch Seilsack
  2. Seil in der Kletterhalle nicht über den staubigen Hallenboden ziehen
  3. Seil bei starker Verschmutzung gemäss Herstellerangaben waschen
  4. Expressen erst klippen, danach die Hände chalken

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